Vertreibung 1945

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Kanga
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Re: Vertreibung 1945

Beitrag von Kanga »

Guten Morgen,

jetzt möchte ich etwas Positives berichten!
Als meine Mutter irgendwann im Krieg von Stuttgart nach Ketzelsdorf zurück kam - ich denke, 1943 nach dem großen Bombenangriff auf Stuttgart, suchte sie sich eine neue Arbeitsstelle. Sie bekam eine Anstellung bei Dr. Benesch in Brünn. Als meine Eltern in den 60 Jahren an einem Sonntag "Internationaler Frühschoppen " im TV sahen, erkannte meine Mutter ihren früheren Chef Dr. Benesch wieder. Er war zur Talkrunde als Gast eingeladen worden.
Meine Mutter schrieb an die Fernsehanstalt und sie erhielt einige Monate später ein großes Paket mit den köstlichsten Schokoladen, die ich je gegessen hatte von Dr. Benesch. Er lebte nach der Vertreibung in der Schweiz.
Mein Vater suchte meine Mutter nach dem Krieg und fand sie in Aschersleben. Er holte sie an den Niederrhein.
Liebe Grüße Uschi
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MelanieW
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Re: Vertreibung 1945

Beitrag von MelanieW »

Aus den Notizbüchern meiner Oma Maria Franek geb. Paar kann ich Folgendes beitragen:

Meine Oma ist 1912 in Vierzighuben (Nr. 140) geboren. Als Wohnanschriften habe ich die Feldgasse 327 in Vierzighuben und später/zuletzt die Gartengasse 5 in Zwittau gefunden. Ihr Mann Josef Franek wurde 1941 zur Wehrmacht eingezogen. Aus ihren Notizbüchern geht hervor, dass sie mit ihren Söhnen am 14.09.1945 in einem Lager interniert wurde. Leider ist das Lager nicht näher benannt. Am 10.10.1945 wurde sie mit ihren Söhnen ins Lager in Chrostau Nr. 4 gebracht. Aus dem Heimatbuch Zwittau (S. 151) geht hervor, dass Frauen mit ihren Kindern dorthin gebracht wurden, „um Platz für neue Lagerinsassen zu machen“. Am 14.11.1945 findet sich der nächste Eintrag in ihrem Notizbuch. Sie wurde aus dem Lager in Chrostau freigelassen. In ihren wenigen Habseligkeiten finden sich 4 Zugfahrkarten die mit „Andenken von unserer Entlassung aus Chrostau“ beschriftet sind. Die folgenden Einträge erzählen von Hunger, Kälte und Wohnungsnot. So erhielt sie Ende Februar 1946 300 Kč von der Armenkasse Zwittau und bekam wiederholt Unterstützung in einem Kloster (welches jedoch nicht namentlich genannt wird). Am 01.05.1946 findet sich der Eintrag „Stubenarrest“. Seit 15.06.1946 befand sich meine Oma mit ihren Söhnen im Lager „Hohlweg Tabor 5“, welches bereits in einem anderen Beitrag genannt wird. Meine Oma nannte das Lager ein „Freilager“, in dem man mehr „Freiheiten“ hatte. Am 26.06.46 schrieb sie vom „Sammellager Belgin“. Hier wurde das Gepäck durchsucht und in die Wagons verladen. Es schließt sich der Bericht über den Transport ins „Grenzdurchgangslager Furth im Wald“ und den Weitertransport ins „Flüchtlingslager Kislau“ in Baden-Württemberg an.
In besagtem Notizbuch findet sich auf den letzten Seiten eine Auflistung verschiedener Wohnanschriften und Aufenthaltsorte. Dort sind noch das „Brüsauer Arbeitslager Tabor 10“ und das „Barthel-Lager Belgia III“ aufgeführt. Das Barthel-Lager findet sich auch in einer Aufzählung verschiedener Lager im Heimatbuch Zwittau auf Seite 151 wieder. Ob sie in diesen Lagern interniert war geht aus den Aufzeichnungen nicht hervor.
Ich versuche momentan den Alltag der Menschen in Zwittau ab Kriegsende bis zum Tag der Vertreibung besser zu verstehen. Gibt es in der Runde weiteres Wissen zu den genannten Lagern in und um Zwittau?
Gerhard
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Re: Vertreibung 1945

Beitrag von Gerhard »

Zu diesem Thema möchte ich einen weiteren Bericht aus den Erlebnissen meiner Oma hinzufügen.
Vor der Vertreibung musste meine Großmutter, mein Opa war 1942 mit 40 Jahren schon gestorben, mit ihren 3 Kindern ins Tschechische zu einem Bauern als Helfer. Es war im Raum Blansko. Sie lebten dort in einer eigenen Wohnung am Bauernhaus. Meine Tante damals 7 Jahre alt ging in die tschechische Volksschule. Sie hat damals fließend tschechisch gesprochen und hatte ihre Muttersprache beinahe verlernt. Heute ist ihr das tschechische fremd.
Großmutter und die beiden Älteren, mein Vater war 15 und seine andere Schwester um die 20, mussten in der Landwirtschaft mitarbeiten.
Sie wurden dort gut behandelt und waren beliebt. Nach einiger Zeit mussten sie zurück in ihre Heimat und wurden vertrieben.
1966 war ich zum ersten Mal mit meinem Vater in seiner alten Heimat. Unter anderem auch bei dem tschechischen Bauern bei dem sie danals arbeiten mussten. Die Freude war groß als sie meinen Vater sahen. Wir haben dann ein paar Tage dort verbracht. Die Tochter des Bauern ware damals im Alter meines Vaters. Es war ein herzliches Wiedersehen.
Da der Ehemann der Bauerntochter ein hohes Amt im damals komunistischen Osten inne hatte durfte die Familie in den 70er Jahren schon Urlaub im westlichen Europa machen. Es gab viele gegenseitige Besuche. Sie kamen mit ihren Kindern zu uns und wir sind abwechselnd nach Tschechien gefahren. Wie meine Eltern sind auch die alten Tschechen gestorben. Ihre Kinder, im gleichen Alter wie mein Bruder und ich führen diese Tradition mit gegenseitigen Besuchen fort. Auch unsere Kinder und Enkel haben schon die Heimat ihrer Vorfahren kennen gelernt.
Da von den Alten keiner mehr da ist kann ich niemanden mehr fragen wie das damals vor der Vertreibung abgelaufen ist. Hat jemand auch Informationen ob seine Vorfahren auch zu Bauern ins Tschechische mussten?
Aus Erzälungen weiß ich dass es auch das Gegenteil gab, daß die Deutschen bei den Bauern schlecht behandelt wurden.
Suchgebiete:
Böhmisch- und Mährisch Lotschnau
Körber, Neu- und Altwaldek, Mohren, Überdörfl, Abtsdorf und Nikl.
Personen mit dem Namen Kohl (Kuhl), Tschöpl, Huschka, Zölfl, Schindler
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